Preisverleihung

Willkommen zur virtuellen Preisverleihung von corona.bedingt!

Das corona.bedingte Organisationsteam hat den Preisträger_innen des Wettbewerbs via Zoom-Künstlergesprächen ihre Urkunden überreicht.

Hört euch an, was unsere Preisträger_innen zu sagen haben, was sie zurzeit bewegt und wie sie trotz wiederholten Lockdowns weitermachen.

Herzliche Gratulation!

Statement der Jury

Anhand der Kriterien Idee, künstlerische Durchführung, Bezug zum ausgewählten Vers aus Celans Gedicht Corona, Projektbeschreibung und „Genius“ hat die Jury aus 52 Einsendungen vier Arbeiten für die mit einem Preisgeld dotierten ersten vier Platzierungen ausgewählt. Die Jury hält fest, dass die künstlerische Qualität aller Arbeiten im oberen Bewertungssegment sehr hoch war, und möchte den Besucher_innen der virtuellen Ausstellung daher eine eingehende Auseinandersetzung mit allen hier ausgestellten Kunstwerke sehr ans Herz legen.

Die corona.bedingte Jury
Andreas Hutter, Sabine Susanne Ebner & Scharmien Zandi

‚pavot & poppy. a nibulous line of notion‘ ist der Titel von Anita Brunnauers herausragender graphischer Arbeit zum Vers 10 „wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis“ aus Celans Gedicht. In 6 einzelnen, akribisch ausgeführten Darstellungen fächert Brunnauer das geheimnisvolle Konglomerat einer Liebe aus „Mohn und Gedächtnis“ auf in ein Universum aus Porträtpartikeln, Elementen aus Flora und Fauna, geometrisch-mathematischen Strukturen, anatomisch-geologischen Schichtungen, astronomischen Erscheinungen u.v.m. Nicht ohne kritische Haltung zur latenten Gefahr der Selbstbeschränkung einer Liebesbeziehung entfesselt sie dadurch ungeahnte Deutungsmöglichkeiten in Celans Verszeile für den Betrachter und öffnet damit großen gedanklichen Reichtum in unserer Beschränkung durch die Pandemie.

Auch in bildnerischer Praxis, doch in ganz anderer Form nähert sich Stefanie Gersch dem Aspekt der Sexualität in Celans Gedicht. Der Vers „Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten“ ist ihr Thema, dem sie 5 Öl/Aquarell- Arbeiten auf Papier widmet. Ihre Arbeiten suchen nach dem Riss zwischen den Geschlechtern, dem Moment, an dem sich Sprachlichkeit verliert, um sich im Licht des Körperlichen zu manifestieren. „Das Virus hat dem Riss (…) höhnisch die Krone aufgesetzt“, so schreibt Gersch in ihrem Konzept, und es ist als ob sie diesem grausamen Vorgang in ihren Bildern etwas entgegensetzen würde: Die amorphe Körperlichkeit geschwungener Texturen, die sich zu Gliedmaßen, Figuren, Orten und Momenten einer unaussprechlichen Identität verdichten.

„Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße“ ist der Celan‘sche Vers, den sich Clemens Hollmann als Titel für sein hinreißendes tribales Musikvideo gewählt hat. Die Straße ist leer, die ganze Stadt scheint leer, die Gebäude beinahe aufgelöst in ihre graphischen Strukturen, in Coronazeiten sieht eben genau niemand zu bei dem, was in den Fenstern zu sehen ist. Dort tanzt ein einsames Wesen seinen einsamen Tanz, sein Geschlecht divers, seine Identität wechselnd, es tanzt in Clubs eigenartiger Stammeszugehörigkeiten, die sich alle in seiner leeren, einsamen Wohnung befinden, gemeinsam ist ihnen lediglich der Mund-Nasen-Schutz, die (Gas-) Maske, die am Ende des Tanzes einsam auf dem Fauteuil im Erkerfenster ihren nicht-verständlichen Satz zu uns sagt. Niemand sieht niemand dies tanzen. Niemand hört niemand dies sagen.

Martin Peichl hat den ersten Vers „Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde“ aus Celans Corona segmentiert und mit eigenen poetischen Textfragmenten konterkariert, die aus einer gemeinsamen Arbeit mit Fotos von Matthias Ledwinka stammen. Hier eingereicht ist eines der Fotos, das dem Thema des Verschwindens gewidmet ist. Bild und Text erzählen zusammen davon, wie sich Menschliches entzieht, wie aus lebendigen Situationen Leben verschwindet, wie Leere  anstelle eines Erfülltseins tritt und wie dadurch das zu verschwimmen beginnt, was wir Zukunft nennen. Unter dem Titel „Offene Systeme, wie wir“ lesen wir 5 Textminiaturen, die im Wesen einer Zweier-Beziehung das erforschen, was im Verschwinden begriffen ist, ein erhellender Kommentar zu Celans herbstlich-melancholischem Enigma, das wir heute wie eine Anspielung auf die Pandemie lesen.

Aus dem Vers „Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt“ wurde in Stephan Steiners Auseinandersetzung eine polyphone Spruchmotette mit neo-modernem und gleichzeitig liturgischem Charakter. Alle Chorstimmen selbst eingesungen, wird eine Stimme zu vielen und unterstreicht den inhärenten Wunsch nach Kollektivität. Die getragene, vielstimmige Vortragsweise des Kanons spiegelt die Einsamkeit und die Verbundenheit in Zeiten der Pandemie gleichermaßen wider. Die ausgewählte Verszeile, die metrisch in Anapästen gebunden ist, erhebt sich im Klangerlebnis zu etwas archaisch Kraftvollem, das die
schlichte, bildhafte Lyrik Celans umsetzt, sie weiterspinnt und den Stein in einer letzten
Harmonie in Dur zum Aufblühen bringt.